Geschichte des Ortsvereins

Der SPD-Ortsverein wurde nachweislich am 15. Dezember 1946 gegründet. Recherchen in den entsprechenden Archiven ergaben jedoch, dass es bereits vor der offiziellen Gründung des SPD-Ortsvereins zur Zeit der Weimarer Republik eine sozialdemokratische Gruppierung in Kippenheim gegeben hatte. Ob diese Gruppierung als lose Zusammenkunft von Menschen mit sozialdemokratischer Gesinnung anzusehen war oder gar bereits als SPD-Ortsverein bestand, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Vieles deutet jedoch auf eine organisierte Parteigliederung hin. Von besonderer Bedeutung war hierbei das Jahr 1926. Am 14. November des Jahres wurde bei den Kommunalwahlen erstmals eine sozialdemokratische Liste gebildet, die sog. „Vereinigte Sozialdemokratie und Arbeiterpartei“. Für die SPD zog Anton Kalt in den Gemeinderat ein – der erste sozialdemokratische Gemeinderat in der Geschichte Kippenheims. Bei den beiden folgenden Kommunalwahlen am 06.02.1927 sowie am 16.11.1930 wurde Anton Kalt jeweils bestätigt; mit ihm wurde über die SPD-Liste zusätzlich der damalige Ratschreiber Wilhelm Fuchs Mitglied des Gemeinderates. Die Wahlen am 16. November 1930 waren die letzten freien Kommunalwahlen. Das Dritte Reich löste faktisch die demokratisch gewählten Gemeinderäte und Bürgerausschüsse auf. Per Dekret wurden alle Wahlvorschlagslisten, an denen Sozialdemokraten beteiligt waren, für ungültig erklärt. Das war das vorläufige Ende der Kippenheimer SPD.   

Als Zeitzeuge berichtete Erich Schillinger, seit 1930 bis zu seinem Tod im Jahr 1994 Mitglied der SPD:

„Als Sohn einer kinderreichen Familie (12 Kinder) war ich schon vorprogrammiert einer Schicht anzugehören, die anderswo dem Proletariat zugerechnet wurde, allerdings hier in Kippenheim keine große Möglichkeit hatte, sich zu entfalten. Die Männer, die sich trotzdem fanden, waren Menschen, die sich durch ihren Beruf meist auswärts Einblick in die damalige Situation verschaffen konnten. Dies war in erster Linie mein alter lieber Freund Anton Kalt. Durch ihn erfuhr ich die politischen Zusammenhänge einer Zeit, die glaubte, sich den Luxus leisten zu können, mit über 30 Parteien und ihren Interessen einen Staat führen zu können. Die damalige Zeit war gekennzeichnet durch Zerstrittenheit und Brutalität. Selbst auf dem Dorf war es nicht möglich, seine Meinung zu sagen. In dieser turbulenten Zeit – ich war arbeitslos und bekam keine Unterstützung, weil mein Vater ein kleines Geschäft hatte – hat mich Genosse Kalt gewissermaßen in den Dienst genommen. Auf diesem Wege wurde ich von der Partei (SPD) im Januar 1933 zur Schulung nach Mannheim delegiert. Das Geld dafür bekam ich auf Anweisung der Genossen von einem jüdischen Parteifreund, dem Genossen Oppenheimer. Am 26. und 27. Januar 1933 erlebte ich eine für mich unvorstellbare Großkundgebung der Partei auf den Straßen Mannheims. Zwei Tage später war alles vorbei. Als ich wieder daheim war, erlebte ich im Dorf in später Stunde die Machtergreifung Hitlers. Als Sozialdemokraten hatten wird dann am 5. März 1933 die letzte Möglichkeit, uns öffentlich zu treffen.“

Am 19. Mai 1946 fand in Lahr eine Gründungsversammlung „Sozialistische Partei Baden – Landkreis Lahr“ statt. Die Lahrer Sozialisten leisteten dann ein halbes Jahr später Geburtshilfe für den Kippenheimer Ortsverein. Am 15. Dezember 1946 wurde im „Ochsen“ in Kippenheim bei einer Versammlung mit Lahrer Vorstandsmitgliedern festgestellt, dass die acht anwesenden Kippenheimer Bürger einen eigenen Ortsverein gründen könnten.

Es gelang beim Ochsenwirt ein Heft und ein Bleistift zu leihen und die Gründung des Ortsvereins wurde vollzogen:

„Sozialistische Partei Baden – Ortsverein Kippenheim“

Die Genossen, die fortan die Ideen des Sozialismus auch in Kippenheim mit Leben erfüllen wollten, waren keine geachteten Kippenheimer Bürger, sondern Besitzlose, Kinderreiche, die meist auswärts ihr täglich Brot verdienten, zum Teil in Elend lebten, meist Nichtbeachtete, „Proletarier“ – im Wortschatz honoriger Bürger eher ein Schimpfwort, in der Tradition unserer Partei ein Ehrentitel. Doch in einem waren sich alle einig: Es galt das Elend eines geschlagenen, verführten und missbrauchten Volkes zu überwinden, den Wiederaufbau einer menschlicheren Gesellschaft zu gestalten, Demokratie wiederherzustellen.

Der am 15. Dezember 1946 gewählte Vorstand bestand aus drei Mitgliedern und blieb insgesamt 18 Jahre im Amt.

Hans Burg war Vorsitzender, Erich Schillinger Schriftführer und Wilhelm Krämer Kassierer.

Schriftliche Aufzeichnungen aus diesen ersten Jahren der Sozialdemokratie in Kippenheim existieren kaum; es gibt Protokolle aus den Jahren 1946 bis 1948. Was die Genossen darüber hinaus an allgemeinen politischen Fragen beschäftigte, ist nicht überliefert.

Die politischen Erfolge der SPD in Kippenheim fielen zunächst bescheiden aus. In der Mentalität einer Bevölkerung mit der Sozialstruktur einer kleinen Gemeinde wie Kippenheim war Ansehen und damit Wählbarkeit zu sehr an Besitz oder persönlichen Erfolg geknüpft. Mit derlei Attributen waren die Genossen nicht gerade gesegnet.

Hinzu kam eine Polarisierung zwischen den Konfessionen. Wer katholisch war und was auf sich hielt, bekannte sich zur CDU. Die politische Heimat der Evangelischen war die FDP/FWV. Die SPD war in ihren Anfängen in Kippenheim sicherlich nicht die entscheidende politisch führende Kraft.

Und doch haben Persönlichkeiten, die der SPD sehr nahe standen oder aktives Mitglied der Partei waren, wesentliche Beiträge zum politischen Leben der Gemeinde geleistet.

Bestanden die Mitglieder der SPD in den Gründerjahren bis Ende der 50er Jahre nahezu ausschließlich aus Arbeitern, so vollzog sich ab Mitte der 60er Jahre ein Wandel in der Mitgliederstruktur. Die Partei öffnete sich für Beamte, Angestellte, Selbständige und Intellektuelle.

Das Jahr 1966 war ein Jahr der Blüte für die SPD – auch in Kippenheim. Die Zahl der Mitglieder wuchs und in Schmieheim – heute Ortsteil von Kippenheim – wurde am 28. Januar 1966 ebenfalls ein SPD-Ortsverein gegründet. Zum 1. Vorsitzenden wurde seinerzeit einstimmig der Schmieheimer Gemeinderat Oskar Winkler gewählt, sein Vertreter wurde Werner Schrempp, Rechner Georg Fossler und Schriftführer Karl Häberle.

Nach der Gemeindereform, die bis dahin selbständige Gemeinde Schmieheim wurde zum 01.01.1972 Ortsteil von Kippenheim, erlebte die SPD insgesamt einen Aufschwung. Die Eingliederung Schmieheims wirkte sich, was die parteipolitische Arbeit angeht, positiv aus. Schmieheim, bis in die 50er Jahre eine Hochburg der Liberalen, entwickelte sich zum Wählerreservoir der SPD.

Zeitweise wurde Schmieheim zu einer regelrechten Hochburg der Sozialdemokratie, in der bei überregionalen Wahlen regelmäßig Ergebnisse weit über 50 % für die SPD erzielt wurden.

Am 5. Oktober 1974 fusionierten die beiden SPD-Ortsvereine Kippenheim und Schmieheim. Was politisch durch die Gemeindereform eingeleitet war, wurde in der Praxis der beiden bisher noch selbständigen SPD-Ortsvereine konsequent umgesetzt.

Durch diesen Zusammenschluss wurde die sozialdemokratische Parteiarbeit vor Ort gestärkt; die SPD trat endgültig aus ihrem Schattendasein heraus.

Die SPD ist seit der ersten Wahl zum Gemeinderat 1948 in allen Gemeinderäten der Gemeinde Kippenheim vertreten und als einzige politische Gruppierung in unserer Gemeinde bei allen bisher 17 Gemeinderatswahlen (1948 bis 2014) jeweils mit einer selbständigen SPD-Liste angetreten. Insgesamt haben sich 93 interessierte Bürgerinnen und Bürger aus Kippenheim und Schmieheim für die SPD zur Wahl gestellt, von denen insgesamt 17 Personen für die SPD in den Gemeinderat gewählt wurden; nicht wenige davon waren über mehrere Jahrzehnte sehr erfolgreich tätig. Sie alle waren und sind Garanten für eine beständige und am Gemeinwohl orientierte kommunale und soziale Politik.

In den Glanzzeiten sozialdemokratischer Kommunalpolitik von 1989 bis 2004 waren  gleichzeitig fünf Angehörige der SPD Mitglied im Gemeinderat.

In diese Epoche fielen auch wichtige kommunale Personalentscheidungen:

Jürgen Milde wurde 1994 Ortsvorsteher im Ortsteil Schmieheim und übte dieses wichtige Amt bis 2007 aus, Eberhard Hurst wurde 1999 für die folgenden fünf Jahre erster Vertreter des Bürgermeisters. Beide Funktionen wurden erstmals und bis heute einmalig von Sozialdemokraten ausgeübt.  

Herausragende Persönlichkeiten der SPD Kippenheim-Schmieheim seit Gründung des SPD-Ortsvereins waren/sind

  • Hans Burg (1. Vors. SPD-OV 1946-1964)
  • Alfred Disch (Gemeinderat 1953-1977)
  • Eberhard Hurst (Gemeinderat 1984-2004, 1. Vertreter des Bürgermeisters 1999-2004, Rechner SPD-OV 1985-2010)
  • Heinz Kopf (2. Vors. SPD-OV 1979-1988)
  • Jürgen Milde (Gemeinderat 1989-2006, Ortschaftsrat 1984-2007, Ortsvorsteher Schmieheim 1994-2007, 1. Vors. SPD-OV 1984-1994 u. 2013-2015, Schriftführer SPD-OV 1982-1984 u. 2009-2013)
  • Günter Rombach (Gemeinderat 1994-2009, 2. Vors. SPD OV 1994-2002, Schriftführer SPD-OV 1990-1992)
  • Karl Schaubrenner (Gemeinderat 1965-1994, Beisitzer SPD-OV 1979-1990)
  • Erich Schillinger (Gemeinderat 1948-1952, Gründungsmitglied des SPD-OV am 15.12.1946, Schriftführer SPD-OV 1946-1968)
  • Werner Schrempp (Gemeinderat 1972-1999, Ortschaftsrat Schmieheim 1980-1994)
  • Martin Schulze (1. Vors. SPD-OV 1982-1984, Schriftführer SPD-OV 1978-1982 u. 1996-2006, Pressereferent SPD-OV 1984-1996)
  • Heinz Siefert (Gemeinderat 1989-2009, 1. Vors. SPD-OV 1994-2008 und ab 25.09.2015, Schriftführer SPD-OV 1987-1990)
  • Torsten Steiner (Gemeinderat 2009-2014, Ortschaftsrat Schmieheim 1994-2014, Rechner SPD-OV 2010-2015)

Dr. Johannes Fechner, MDB

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Jusos Ortenau